precious plastic Westerwald

Upcycling 2.0

Der holländische Designer und Aktivist Dave Hakkens hat mit Precious Plastic eine global agierende Community gegründet, die angetrieben von der weltweiten Plastikverschmutzung nach neuen Wegen der Wiederverwertung sucht. Bauanleitungen und Konstruktionspläne für einfache Verarbeitungsmaschinen sowie neue Produktideen und Aktionen werden online geteilt. Eine Vielzahl von Menschen, weltweit, sind mit ihren Fähigkeiten, ihrem Wissen aber auch Spenden an dieser Initiative beteiligt. 

Im 1. Schulhalbjahr 2019/2020 haben wir uns zusammen mit den Schüler*innen der Jahrgangsstufe 12 der FOS Gestaltung/August-Sander-Schule auf den Weg gemacht, den Aktivitäten von Dave Hakkens zu folgen. Precious Plastic gibt es auch im Westerwald.

Theorie und Praxis 

Katharina-Otte Varolgil, Fachlehrerin der 12.Klasse, vermittelt im Unterricht in der Schule die klassischen Disziplinen des Fachbereiches Gestaltung. Produktdesign, Logoentwicklung und Ideenscribbles bis hin zum UX-Prototyping anhand des Themas Precious Plastic stehen auf dem Programm.

Die theoretische Auseinandersetzung geht einher mit der inhaltlichen Vertiefung in das Problemfeld Plastikmüll und liefert die Basis für das praktische Arbeiten im Atelier.

Beim Start des Projektes haben erste Sortierungen nach Kunststoffarten und Beschaffenheit stattgefunden. Dabei sind wir auf ein besonders Segment des Plastikmülls gestoßen, das schon in der Vergangenheit entsprechende Aufmerksamkeit erzeugt hat. Die Initiative Deckel drauf e.V. , durch die mit der Sammlung von PE Kunststoffdeckeln und dem Erlös aus dem Verkauf als Sekundärrohstoff Polio-Impfungen finanziert wurden, ist 2019 eingestellt worden. Die Hintergründe dazu werden im Rahmen unseres Projektes erörtert und geben Einblick in die Problematik um wirtschaftliche Interessen und Nachhaltigkeit. 

Die Arbeit im Atelier

Die Flaschendeckel sind ein idealer  Ausgangsstoff für die Wiederverarbeitung. Sie bestehen aus hochwertigem Polyethylen und sind leicht nach Farben sortierbar. Bereits im Vorfeld starten private Sammelaktionen in den Haushalten. Bei den örtlichen Getränkehändlern können einige Schüler die Deckel in großen Mengen von den Flaschen schrauben, denn auch ohne Deckel behält das Leergut seinen Pfandwert.

Im Laufe des Projektes kommen dazu noch alte CD-Klarsichthüllen. Mit zunehmender Verdrängung der CD als Datenträger sind diese Kunststoffverpackungen überflüssig geworden und landen meist achtlos auf dem Müll. Ähnliches gilt für Diarahmen-Kästen, die in großen Mengen nutzlos verstauben und weggeworfen werden. Ohne große Mühe werden im Atelier in kürzester Zeit so große Mengen an Kunststoff gesammelt, dass sie die Kapazitäten der Verarbeitungsmöglichkeiten übersteigen, was allen Beteiligten ganz anschaulich das Ausmaß der Plastik-Problematik verdeutlicht.

Der Schredder

Die Funktionsweise des Schredders ist leicht verständlich, lediglich die richtige Befüllung ist zu beachten. Wenn zu viel Basismaterial in den Fülltrichter gegossen wird, können Plastikteile die Mechanik blockieren und der Notausschaltknopf muss bedient werden. Die Maschine ist so gebaut, dass auch die Schüler sie aufschrauben können, um sie zu reinigen und zu warten. 

Der Extruder

Das selbst hergestellte Granulat wird in den Extruder geschüttet, erhitzt, verflüssigt und mittels Schnecke fadenförmig durch eine Düse gepresst. Je nach Kunststoffart kann die Temperatur genauestens eingestellt werden, um die richtige Konsistenz für einen gleichmäßig geformten Faden zu erreichen. Es erfordert handwerkliches Geschick, den entstehenden Faden weiter zu verarbeiten. Zahlreiche Versuche laufen, um ihn gleichförmig aufwickeln zu können zu spiralförmigen Objekten. Erschwerend kommt hinzu, dass der Kunststoff sich zusammenzieht, wenn er erkaltet und von einem Trägermaterial nicht mehr lösen lässt.

 

Die ersten Produktideen sind im Schulunterricht entwickelt worden. Im Atelier erörtern wir die Möglichkeiten der Realisierung. 

Wichtig ist das Ausprobieren und Testen, um ein Verständnis für das Material zu bekommen und die Schwierigkeiten und Hürden in der Weiterverarbeitung kennen zu lernen. Gilt es in der Entwurfsphase möglichst offen und frei Ideen zu entwickeln, um sie anschließend auf ihre Tauglichkeit zu prüfen, so ist in der Weiterführung bis zur Umsetzung Zielorientierung und die Abstimmung von Arbeitsabläufen gefragt. 

Die Verwendung der vorhandenen Maschinen erfordert Konzentration, Ausdauer und eine gewisse motorische Schulung, um in der Verarbeitung zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen. Je mehr sich die Teilnehmenden mit der Handhabung des Kunststoffes beschäftigen und sein Verhalten in den verschiedenen Aggregatzuständen untersuchen, um so klarer wird das Verständnis für den Werkstoff. Es gibt Produktideen, wie etwa der Entwurf eines Bechers, bei denen sich herausstellt, dass wir sie mit den vorhandenen Maschinen nicht produzieren können.

Es bilden sich Arbeitsgruppen.

Arbeitsgruppe: E-Gitarre

Ein Team hat bereits in der ersten Phase des Projektverlaufes die Idee, einen E-Bass auf der Basis eines Körpers aus Flaschendeckeln zu bauen. Bevorzugte Farbe ist rot. Dafür starten sie den Schredder und sie müssen feststellen, dass das Zerkleinern der Deckel ein langwieriger Prozess ist. Ausdauer ist gefragt, bis eine genügende Menge an Granulat hergestellt ist. Erste Hochrechnungen ergeben, dass alleine für den E-Bass ca. 4000 rote Deckel gebraucht werden. Zudem stellt sich die Frage der Weiterverarbeitung. Nach Tests mit dem Extruder wird deutlich, dass für das Einschmelzen ein Gasbrenner effektiver ist und zu ganz neuen Ergebnissen führt, was die Oberfläche des Gitarren-Körpers betrifft. Nach Fertigstellung eines Kunststoffblocks folgen zahlreiche zusätzliche Stunden. Unter anderem muß mit Hilfe einer Stichsäge die klassische Gitarrenform ausgesägt werden. Gleich zu Beginn unseres Projektes im Atelier wird den Teilnehmenden angeboten, den Kunstraum auch außerhalb des angesetzten Zeitrahmens eigenständig nutzen zu können, um an ihren Ideen weiterzuarbeiten. Das Gitarrenbauer-Team macht Gebrauch davon, um auf jeden Fall noch zum Projektende fertig zu werden. Die Schüler kommen bei der Installation der zusätzlichen Bauteile wie Gitarrenhals, Saiten, Brücken und Tonregler an ihre Grenzen bezüglich des handwerklichen Könnens.

Um die Gitarre wirklich bis zur Praxistauglichkeit zu bringen, bedarf es der professionellen Unterstützung durch einen Gitarrenbauer. 

Arbeitsgruppe: Skateboard

Die  grelle Farbigkeit der gesammelten Deckel lädt ein zum Entwurf von Mustern und Farbverläufen. Daraus entwickelt eine Gruppe von Schülerinnen die Idee für ein Skateboard Design.

Sie proben verschiedene Möglichkeiten, den Kunststoff zu schmelzen, so dass aber dennoch das Ausgangsmaterial, also die Deckel, erkennbar bleiben. Zusätzlich zu den Deckeln greifen sie auf die CD-Klarsichthüllen zurück, die sie in großen Mengen zu Granulat schreddern, erhitzen und als Gelier- und Klebemasse zwischen die farbigen Deckel gießen. Somit soll sich zugleich eine ebene, massive Grundfläche ergeben. Der Produktionsprozess ist mühsam und zäh. Die Ausdauer der Schülerinnen ist beachtlich und wird angetrieben durch die faszinierenden Strukturen, die beim Schmelzen der Deckel und der Verflüssigung des durchsichtigen Granulats entstehen. 

Es wird deutlich, dass es in der verfügbaren Zeit nicht möglich ist, mit diesem Verfahren die nötige Stabilität für die Skateboard-Grundplatte zu erzeugen. Das Produkt kann zum Ende des Projektes nicht fertiggestellt werden. Eine Weiterentwicklung der verwendeten Bearbeitungstechnik und das finale zusammenfügen der Skateboardbauteile steht noch bevor.

Arbeitsgruppe: Handyhalter

Für die Umsetzung der Idee eines Handyhalters kann die Arbeitsgruppe auf die Unterstützung durch eine lokale Firma zurückgreifen, die eine Gussform nach den Vorgaben einer der Schülerinnen erstellt. Im Atelier wird die Form mit Granulat aus unterschiedlichen Farbkombinationen befüllt und anschließend erhitzt. So können einige Prototypen hergestellt werden, die aufgrund der Einzelanfertigung jeweils ihren individuellen kunstvollen Charme behalten. Diese werden bei der Abschluss-Präsentation zum Jahresende verkauft. 

Die Möglichkeit mit Gussformen zu arbeiten weist auf den Weg zu einer professionellen Serien-Fertigung, der zusammen mit den Schüler*innen erörtert wird. Dazu wird es allerdings nötig sein eine weitere Produktionsmaschine zu bauen, um erhitzten Kunststoff in die Form pressen zu können.

Logoentwicklung

Nachdem alle Beteiligten beschlossen haben, sich im Atelier auf die Verarbeitung von Plastikdeckeln zu konzentrieren, und die gesamte Aktion dahingehend auszurichten, steht die Aufgabe im Fach Gestaltung im Raum, ein Logo zu entwickeln, dass auf das Sammeln der Deckel aufmerksam macht.

Aus den sehr unterschiedlichen Lösungsvorschlägen wird in der Gruppenarbeit ein Entwurf ausgewählt, optimiert und der Druckauftrag für einen Aufkleber erteilt.

Die von der AWB bereitgestellten Mülltonnen werden mit den Aufklebern bestückt, um zukünftig als Sammelbehälter für die Plastikdeckel zu dienen.

Wir haben in diesem 1. Halbjahr mit den 12 ern Der FOS erste Kontakte hergestellt zu regionalen Fachbetrieben und Akteuren aus dem Umweltschutz, so dass sich für eine Weiterführung des Projektes in allen Bereichen gute Perspektiven abzeichnen.

Vor dem Hintergrund der großen gesellschaftlichen Fragen, den technischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen rund um die Plastikmüllproblematik stellen wir im Atelier das kreative Feld bereit, um Ideen zu entwickeln und ihre Umsetzung zu proben. Kulturelle Bildung bekommt somit einen ganz pragmatischen Bezug. 

Die Kooperation zwischen der August-Sander-Schule und der Jugendkunstschule Altenkirchen steht dabei noch in einem weiteren Kontext: 

Als Referenzinstitutionen des Weiterbildungsmasters „Kulturelle Bildung an Schulen“ der Philipps-Universität Marburg arbeiten sie mit dessen Unterstützung an der Schärfung des eigenen kulturellen Profils. Darüber hinaus stehen sie hier mit einem bundesweiten Netzwerk von Schulen und Kulturinstitutionen im Dialog zur (Weiter-)Entwicklung ästhetisch-praktischer Lehr-Lern-Formate.

Gefördert und finanziell unterstützt wird das Projekt von dem Abfallwirtschaftsbetrieb Landkreis Altenkirchen.

 

 

 

 

 

 

 

Katharina Otte-Varolgil, Fachlehrerin FOS Gestaltung
Ingo Reichart, precious plastic Westerwald
Axel Weigend, Jugendkunstschule

 

 

zurück zur Startseite

zurück zu den Projekten