So wie der Sozialen Plastik ein erweiterter Kunstbegriff zugrunde liegt, gibt es hier auch einen erweiterten Atelierbegriff.
Das Bild vom »inneren Atelier« geht maßgeblich auf die Künstlerin Shelley Sacks, Pionierin auf dem Feld der Sozialen Plastik, zurück. (siehe Zum Vertiefen)
Das innere Atelier ist der wohl einzige mietfreie Raum, zu dem wir permanent Zugang haben. Und er ist mobil, da wir ihn in uns tragen. Selbst wenn dieser Raum allzu oft ein Leben lang unerkannt bleibt, steht er jeder und jedem von uns per Geburt zur Verfügung. Ganz ohne Kunststudium und in jedem Moment können wir darin tätig werden.
Erstaunliches ist dort möglich: Anfangs mit etwas Mühe kann ich innerlich hinter mich selbst zurücktreten und die Perspektive eines »stillen Betrachters«, einer »stillen Betrachterin« einnehmen. Von da aus beginne ich, mir selbst – teilnahmsvoll, nicht verurteilend! – zuzusehen, wie ich wahrnehme, denke, kommuniziere. So identifiziere ich mich nicht mehr damit.
Zum Beispiel kann ich die Haltung betrachten, die ich dem, was mir begegnet, entgegenbringe. Womöglich zeigt sich mir dann, dass ich ständig urteile, als sei das natürlich und normal. Der Dichter Friedrich Hölderlin sah in »urteilen« eine Ur-Teilung zwischen einem selbst und der Welt.
Tatsächlich werde ich im inneren Atelier zunehmend Muster, Gewohnheiten und Konditionierungen erkennen, die mein Verhalten prägen. Und auf einmal sehe ich zuvor unbemerkte Wahlmöglichkeiten in dieser verborgenen, aber so entscheidenden Sphäre. Es steht mir frei, immer wieder neu mein Wahrnehmen, Denken, meine Reaktionen und Aktionen zu ent-automatisieren. Ich habe, um beim Beispiel zu bleiben, die Freiheit, anstelle des Urteilens eine Haltung des Staunens zu kultivieren.
Welch neuer, zukunftsvoller Raum tut sich da auf!
So wie ein Bildhauer es mit Holz, Metall oder Wachs tut, kann ich nun die unsichtbaren Werkstoffe bearbeiten, aus denen das, was ich tue, hervorgeht. Immer mehr werde ich damit zur Künstlerin, zum Künstler – von der Art, wie die Welt sie dringend braucht, um die globalisierte »Todeszone« (Joseph Beuys) zu verlassen.
Das innere Atelier ist nichts weniger als der Raum, in dem das Lebendige zu Bewusstheit gelangen will – zu Bewusstheit seiner selbst.