Zusammen mit Hildegard Kurt veröffentlichte die Künstlerin Shelley Sacks das Buch »Die rote Blume. Ästhetische Praxis in Zeiten des Wandels« (thinkOya, 2013). Darin findet sich eine ausführliche Beschreibung des »inneren Ateliers«. Es ist, wie Shelley betont, auch die Ursprungsstätte von Imagination.
Der nachstehende Auszug aus diesem Buch steht im Kontext des »Erdforums«, eines Soziale Plastik-Prozesses, den Shelley für Entscheidungs- und Konfliktsituationen in Zusammenhang mit Nachhaltigkeits-Initiativen entwickelte. (Seite 76-83)
SS: Um diese Fähigkeit zu veranschaulichen, hat sich das Bild eines »mietfreien Raumes« eingebürgert, den jeder Mensch auf seinen Schultern mit sich herumträgt, und in dem wir ganz erstaunliche Dinge tun können. Was uns kaum je bewusst wird. Von einem »Raum« zu sprechen ist keine Metapher. Es ist wirklich ein Raum, in dem wir Bilder aller Art sehen können. Und er ist frei! Es ist wahrscheinlich der einzige mietfreie Raum, zu dem wir permanenten Zugang haben: ein innerer Raum, dessen Inhalte privat sind, es sei denn, wir entschließen uns, sie zu teilen und ihnen Form zu geben. Ja, es ist ein mietfreies inneres Atelier, ein mietfreier innerer Arbeitsraum!
Die verantwortliche Teilnehmende beschreibt diesen Raum möglichst so, dass alle ein Gespür für ihn bekommen, etwa, indem sie fortfährt: Über die Tatsache hinaus, dass er mietfrei ist, hat dieser Raum weitere bemerkenswerte Qualitäten. Er ist »mobil«. Da wir ihn auf unseren Schultern tragen, haben wir ihn bei uns, wo immer wir gerade sind! Und in diesem Raum gibt es eine besondere Art von Dunkelheit. Vielleicht wird die verantwortliche Teilnehmende an der Stelle jenes »Theater der Dunkelheit« (James Hillman) anführen, von dem wir hier in diesem Buch im vorangehenden Kapitel nach unserem Gang durch tote Zonen gesprochen haben.
Um das »imaginative« Arbeiten weiter zu verdeutlichen, fokussiert der verantwortliche Teilnehmer nun zunächst auf Erinnerungen: auf vergangene Ereignisse, die in der Gegenwart erlebt werden können. Er holt die übrigen Teilnehmenden in den Imaginationsraum, indem er innerlich ein paar Bilder aus der eigenen Vergangenheit Revue passieren lässt: er selbst mit 4 Jahren, mit 8 oder 9 Jahren, mit 18, 30 und so weiter. Es ist wichtig, hier sorgfältig vorzugehen und die Teilnehmenden zu ermutigen, das ebenfalls zu tun: einige Bilder aus der Vergangenheit wach zu rufen, eines nach dem anderen; von ganz frühen Erinnerungen bis in die jüngste Vergangenheit.
HK: Oft hilft es, hier kurz ein Beispiel einzubringen, etwa: »Ich erinnere, wie wir als Kinder auf dem Bauernhof sonntags nach dem Mittagessen mit unserer Tante den Hofhund, einen Schäferhund, ausführen, der unter der Woche immer erst abends von der Kette kam. Wie er, hungrig nach Freiheit und Bewegung, in weiten Sprüngen über die Felder den Hang hinaufsetzt. Aber dann, oh Wunder, auch bald wieder zurückkehrt – zur Tante, die sich gut um ihn kümmerte«. Wenn danach ein Moment Stille ist, zeigt sich auf den Gesichtern, wie innerlich etwas in Gang gerät.
SS: Ja, binnen Sekunden ist jeder in seinem eigenen »Theater der Erinnerung« und sammelt aktiv Bilder! Durch das Vergegenwärtigen eigener Erinnerungen erlebt jede Person ihre eigene imaginative Fähigkeit und den mietfreien Raum, den wir alle auf unseren Schultern tragen. Es genügt, Aufmerksamkeit auf diesen Raum und diese Fähigkeit zu lenken, und etwas so Einfaches wie eine Erinnerung wird fast zu einem Wunder. Ein sehr subtiler und komplexer Prozess, den man normalerweise nur erkundet, wenn man Philosophie und Erkenntnistheorie studiert, kann nun von jedem überall, ob mit oder ohne formale Bildung erlebt werden. Was für eine erstaunliche Fähigkeit: Bilder, die, der Vergangenheit angehören, jetzt zu erleben, in der inneren Gegenwart!
An der Stelle lohnt es sich, auch auf den bemerkenswerten Umstand hinzuweisen, dass bei diesem Erinnern jede und jeder von uns woanders ist, während zugleich alle hier sitzen. Zur selben Zeit hier und anderswo zu sein und das »Anderswo« in die jetzige Situation bringen zu können, ist eine sehr besondere Fähigkeit. Jede Person ist voll von Bildern, die niemand sonst sehen kann. Und doch sitzen wir hier alle beisammen. Wie staunenswert das doch ist.
Der oder die verantwortliche Teilnehmende wird also einige Sorgfalt auf dieses Vergegenwärtigen von Bildern aus der Vergangenheit verwenden. Denn das ist nicht nur eine wirkliche Handlung in der Sphäre der unsichtbaren Materialien – ich kann Bilder aus meiner eigenen inneren Bibliothek einladen, entdecken und auswählen. Es ist darüber hinaus etwas Einfaches, was jeder auf der Erde tut. Jeder hat Erinnerungen, auch ohne sich des inneren Arbeitsraums, in dem sie erscheinen, bewusst zu sein. Diese mit allen geteilte Fähigkeit gibt uns eine unmittelbare Gleichwertigkeit. Hier sitzen wir, unabhängig von Herkunft, Position oder Bildung, alle mit unserem eigenen »mietfreien Raum« auf den Schultern, in dem wir Bilder aus der Vergangenheit vergegenwärtigen können.
Nun führt der verantwortliche Teilnehmende einen weiteren Aspekt dieses inneren Arbeitsraumes ein: dass es ein Ort ohne Wände und ohne Zeit ist. Beim Anschauen der Bilder, die wir wachgerufen haben, können wir feststellen, dass es zwischen ihnen keine Grenzen gibt und wir sie alle gleichzeitig sehen können, jetzt, in diesem Moment. Du kannst die Bilder verschieben. Du kannst dich mehr auf das eine oder mehr auf das andere konzentrieren. Sie können nebeneinander da sein, einander durchdringen.
Und weiter: In diesem Raum können wir nicht nur Bilder aus der Vergangenheit wachrufen. Auch das, was jetzt geschieht, die Gegenwart also ist dort. An diesem Punkt des Prozesses empfiehlt es sich, als verantwortliche Teilnehmende in die Runde zu schauen und konkrete Beispiele zu geben: die gelbe Strickjacke dort, die roten Schuhe, jemandes Lächeln. Man sollte hier besser nicht nur auf Gesichter fokussieren, weil das zu persönlich und intensiv werden kann. Worum es geht ist, allen Teilnehmenden ein Gespür davon zu vermitteln, dass auch das, was in der Gegenwart geschieht, in Form von Bildern in uns ist: Was immer ich jetzt sehe, ist nicht in meinen Augen. Auch ist mein Auge nicht dort draußen, auf deiner Strickjacke, deinen Schuhen oder deinem Gesicht. Und doch ist dein Gesicht in mir. Du bist in mir. Ein Bild-Klang-Duft-Ensemble, das ich halten kann, das potenziell für immer bei mir bleiben könnte! Und dein Bild koexistiert mit meiner Welt – mit meinen Bildern aus der Vergangenheit, die du nicht sehen kannst. Dies zeigt uns, dass wir zwei Zeitsphären sehen können: die Vergangenheit und die Gegenwart. Und dass beide gleichzeitig da sind, ohne Abgrenzungen.
Je mehr den Leuten bewusst wird, was in diesem »mietfreien Raum« geschieht, desto faszinierender finden sie diese neuen Entdeckungen. Es ist gut, wenn der verantwortliche Teilnehmende sein eigenes Staunen, seine eigene Ehrfurcht zum Ausdruck bringt.
Von da aus werden die Teilnehmenden in die dritte Raum-Zeit geführt, die Zukunft. Hier bietet der verantwortliche Teilnehmende ein paar Bilder und Beschreibungen an, die es den Leuten ermöglichen, sich gemeinsam etwas auszumalen, was es noch nicht gibt!
Falls das Erdforum im Winter stattfindet, kann die verantwortliche Teilnehmende auf einen Baum draußen zeigen und sagen: »Der Baum dort hat keine Blätter. Aber wir können uns gut vorstellen, wie er in drei Monaten aussehen wird, wenn er grün ist«. Oder umgekehrt. Du weist auf einen grünen Bäum und sagst: »Wir können uns vorstellen, wie er, falls die Welt sich nicht ändert, in einigen Monaten aussehen wird, wenn er völlig kahl ist«. Solche Bilder veranschaulichen sowohl unsere Fähigkeit, uns die Zukunft vorzustellen, als auch, wie unsere Annahmen auf Vergangenem basieren, auf der Voraussetzung also, dass die Dinge wie bisher weiterlaufen.
Anhand des Baumes kann die verantwortliche Teilnehmende auch die Frage aufwerfen, ob die Vorstellung grüner Blätter an einem kahlen Baum wirklich ein Zukunftsbild ist oder nicht vielmehr ein auf die Zukunft projiziertes Bild aus der Vergangenheit. An diesem Punkt, wo einige Teilnehmende sich vielleicht zu fragen beginnen, ob nicht alle Zukunftsbilder irgendwie mit der Vergangenheit verbunden sind, ist es wichtig, ein Bild von etwas einzubringen, das es noch nie gegeben hat. Wie etwa das Bild einer komplett asphaltierten Welt. In der jeder Quadratmeter mit Asphalt bedeckt ist. Es gibt keinen einzigen Grashalm, überhaupt nichts Lebendiges. Während die Leute sich das vorstellen, betont der verantwortliche Teilnehmende, so etwas Schreckliches möge hoffentlich nie eintreten. Dass aber die Art, wie wir dieses innere Bild erzeugt haben, uns zeigt, wie wir Bilder einer Zukunft schaffen können, die es nie zuvor gab.
Nun aber sollte die verantwortliche Teilnehmende unsere erstaunliche Fähigkeit, Bilder von Dingen zu formen, die es noch nicht gibt, mit ein paar positiven Beispielen veranschaulichen: »Wir können uns neue Formen einer Landwirtschaft vorstellen, die die Welt nicht vergiftet, sondern sie sogar immer lebendiger macht; neue Formen eines Familienlebens, die Alternativen zu Isolation bieten; Gemeinschaften, die nicht auf Macht oder auf dem Unterdrücken von Individualität basieren«.
Der verantwortliche Teilnehmende sorgt dafür, dass dieser Vorstellungsprozess sich Schritt für Schritt vollzieht. Es ist ein wenig wie »Storytelling«, was nichts anderes als das Schaffen von Bildern ist. Und dies, das Schaffen von Bildern, bringt Menschen in ein Erleben hinein. Vielleicht wird deshalb im Kontext gesellschaftlichen Wandels »Storytelling« zunehmend als aktivierende Methode eingesetzt. Indem die Teilnehmenden den Bildern folgen, die der verantwortliche Teilnehmende anbietet, werden sie innerlich aktiv. Sie bekommen ein Gespür dafür, wie dieser selbe Raum auch genutzt werden kann, um zu sehen, was noch nicht existiert… und sich eine lebensfördernde Zukunft vorzustellen.
Aber damit sind wir noch immer nicht am Ende. Es gibt noch einen weiteren sehr bemerkenswerten Aspekt dieser imaginativen Arbeit: Während wir in unserem inneren Raum, in dem es keine Wände und keine Abtrennungen gibt, Bilder aus drei verschiedenen Zeitsphären – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – sehen, findet dort etwas vielleicht noch Erstaunlicheres statt. Ich kann dort nämlich gleichsam einen Schritt beiseitetreten und sehen, was ich sehe, hören, was ich höre. Ich kann also auch sehen, wie ich die Welt sehe: Mit welchen Linsen, welchen Werten, welchen Haltungen ich die Welt betrachte. In anderen Worten – ich sehe die geistige Verfassung, mit der ich die Welt anschaue. Und wenn mir die Linsen, durch die ich schaue, nicht gefallen, kann ich beschließen, sie abzulegen. Das ist vielleicht das Unglaublichste an dieser Fähigkeit: Wenn ich sehe, was ich sehe, stellt sich mir nicht nur eine Perspektive auf mich selbst und darauf ein, wie ich in der Welt lebe, sondern ich habe auch die Wahl, meine Perspektive zu ändern. Gewöhnlich nennen wir das Reflexion oder Besinnung. Hier geht es darum, wie ich mein Leben gestalte, und hier ist Freiheit. Nicht Freiheit von den äußeren Bedingungen, aber Freiheit, um meine Perspektiven, Vorstellungen und Begriffe zu erkunden und mit ihnen zu arbeiten.
Und da es keine Wände zwischen den Bildern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt, können die Bilder, je mehr ich lerne, sorgfältig in sie hineinzuschauen, zu Ein-sichten werden. Ja, hineinschauen in das, was ich sehe. Hinein lauschen in das, was ich höre. Neue Verbindungen herstellen zwischen all diesen Bildern, zu denen auch Sehnsüchte und Ideen gehören. Indem ich in meinem »mietfreien Raum« reflektiere, kann ich eine neue Sicht weniger auf, sondern vielmehr in all dies haben. Und daraus kann ich Sinn machen, neuen Sinn. Ich arbeite mit den unsichtbaren Materialien in meinem inneren Atelier. Ich habe die Freiheit, noch einmal hinzuschauen, wie Künstler das tun; andere Bilder zu formen, mir neue Zukünfte auszumalen – allein und in einem gemeinsamen Prozess.
HK: Vielleicht sollte man hier darauf hinweisen, dass jenes Beiseite-Treten, von dem du sprichst, kein Neben-sich-Stehen ist. Es ist nicht der kritische Blick mit gerunzelter Stirn auf mich selbst, den wir alle ja nur zu gut kennen. Sondern hier trete ich eher ein wenig hinter mich zurück, um den Blick zu weiten, um mehr Überblick zu haben, wohlgemerkt ohne mich dabei zu beurteilen.
SS: Dieses Beiseite-Treten oder Hinter-sich-Treten hat mit dem zu tun, was viele Weisheitslehren den »ständigen Betrachter« nennen. Es ist ein Blick auf sich selbst, der nicht urteilt, sondern wohlwollend und großzügig nach Möglichkeiten sucht.
HK: Der Begriff »observer«, den du im Englischen verwendest, wird meist mit »Beobachter« übersetzt. Doch hier sagen wir bewusst »Betrachter«. Denn es handelt sich um das Gegenteil eines Beobachters im Sinne jenes »inneren Zensors«, von dem Christa Wolf in ihrer Erzählung Was bleibt spricht – einem inneren Pendant der Stasi. Diese Form der Selbstzensur wurde einem ja nicht nur in der ehemaligen DDR eingeimpft. Nein, der Blick auf einen selbst, zu dem das Erdforum einlädt, ist keine Selbstzensur, aber auch nicht selbstgefällig. Er ist, wie du sagst, großzügig. Warm. Denn es braucht Wärme, um Erstarrtes neu in Bewegung zu bringen. Und aus solchem Bewegen und Bewegtsein wiederum entsteht Spielraum, Möglichkeitsraum, Gestaltungsraum. Es entsteht neue Freiheit. Beim »stillen Betrachten« begegnen wir also uns selbst wie jemandem, der uns am Herzen liegt.
SS: In all meinen Projekten sowie in der Arbeit mit den Studierenden ist dieser »Dialog mit sich selbst« eine integrale Strategie. Natürlich sehen wir, wenn wir nach innen schauen, Vieles, das einem gar nicht gefällt, aber Reflexion muss nicht urteilend sein. Ein sorgfältiges, eher phänomenologisches Betrachten kann zu neuen Einsichten führen und viel Energie freisetzen. Vielleicht hängt es weniger davon ab, wo man steht, also vielmehr von den Linsen, durch die man auf die eigenen Bilder von der Welt schaut.
Aber zurück zum Erdforum. Wir sind noch immer in Phase 1, wo die verantwortliche Teilnehmende beschreibt, wie wir in jenem inneren Atelier uns selbst, unsere Werte und Einstellungen wahrnehmen können. Auch hier helfen Beispiele: Wir können uns eine Person vorstellen, die – aus welchen Gründen auch immer – alles schönfärbt, durch eine rosa Brille anschaut und immerzu sagt, alles sei prima. Mit einer pessimistischen Sicht hingegen nimmt man nicht nur ganz andere Dinge wahr, sondern sieht alles durch eine beschlagene Brille, durch die Linsen des Unmöglichen und der Verzweiflung, was ebenso wenig hilfreich sein dürfte. Auch Vorurteile und Annahmen sind Linsen. Solche Beispiele verschiedener innerer Haltungen helfen zu sehen, wie elementar wichtig es ist, uns unserer »Linsen« bewusst zu werden!
Wie ein solches Bewusstwerden sich anfühlt, zeigte sich bereits bei den ersten beiden Earth Forums, die 2011 an einem Wahltag in einer südafrikanischen Kleinstadt – am Straßenrand und in einem ausgetrockneten Flussbett –mit Farmern und Landarbeiterinnen stattfanden. Und selbst wenn ein Erdforum auf einem hektischen, lauten Bürgersteig in Johannesburg oder, wie im letzten Sommer während der documenta 13 in Kassel vor dem Fridericianum in fünf parallelen Foren stattfindet, stellt sich bei diesem Bewusstwerden eine fokussierte, absorbierte Aufmerksamkeit ein.
HK: Es geschieht im Grunde etwas Magisches. Die Teilnehmenden beginnen zu spüren, dass sie Träger von etwas sind: von etwas Großartigem, zutiefst Erstaunlichem. In der Sprache des Mythos könnten wir sagen, jeder von uns trägt einen Gral. In dem Moment, wo ich davon etwas spüre, spüre ich meine Würde und auch meine Verantwortung. Da verwandelt sich etwas in mir.
SS: Ja, man erkennt, dass man ein Geschenk, einen Schatz hat, den es zu hüten gilt. Wenn ich vom inneren Arbeitsraum spreche, beschreiben meine Hände automatisch einen Raum um meinen Kopf, die Schultern und den Brustbereich. Es ist ein Dom, wie James Hillman sagt, aber einer, der weit über den Kopf hinausgeht. Fast, als säße man auf einem Thron. Und ohne groß zu betonen, dass man die Gaben ehren sollte, die einem per Geburt geschenkt sind, siehst du in den Gesichtern der Teilnehmenden und hörst danach, wie verblüfft sie über das sind, was sie mit sich umhertragen.
HK: Oft kann man sehen, wie die Leute sich dann sogar anders bewegen.
SS: Diesen Raum für imaginatives Arbeiten einzuführen weckt ein Gespür für unerkannte Fähigkeiten. Auch wird hier ein subtiler und essenzieller Prozess, den man sonst nur in komplexer philosophischer Sprache diskutiert, in einfacher Sprache erfahrbar und reflektiert. Doch hängt das, was Teilnehmende tatsächlich von einem Earth Forum haben, stets auch davon ab, wie der verantwortliche Teilnehmende all das vermittelt. Er sollte beim Vergegenwärtigen des »mietfreien Raumes« und unserer imaginativen Fähigkeiten wirklich sorgfältig vorgehen. Denn der daraus entstehende Zustand – belebt, fokussiert, still – ist nicht nur für das ganze Erdforum essenziell, sondern auch eines der wichtigsten »Ergebnisse«, das die Teilnehmenden mit nach Hause und in ihr eigenes Arbeitsfeld nehmen. Im weiteren Verlauf des Earth Forum reden dann primär die Teilnehmenden. Die zweite Fähigkeit, das »aktive Zuhören«, lässt sich viel einfacher beschreiben. Man tut das, nachdem die Teilnehmenden von ihrem kurzen »Gang auf dem Planeten« zurückgekehrt sind.
HK: Jetzt also, nachdem die »imaginative« Fähigkeit eingeführt ist, gehen alle nach draußen: ohne zu sprechen und bewusst mit ihrem »mietfreien Raum«.
SS: Vielleicht wird der verantwortliche Teilnehmende sie noch ermutigen, das, was auf ihrem »Gang auf dem Planeten« geschieht, nicht zu beurteilen oder zu zensieren. Denn nichts daran kann »falsch« sein. Es ist ihre Erfahrung: Alle Wahrnehmungen und Zweifel, Fragen, Bilder und Einsichten, die sich dabei einstellen, sind real. So begegnen sie nicht nur der Welt auf eine Weise, wie das sonst kaum geschieht, sondern sie werden auch ermutigt, ihre eigene Erfahrung wertzuschätzen. In diesem Sinne beinhaltet die erste Phase des Earth Forum ein Akzeptieren der eigenen Erfahrung, wofür es jene Haltung der Offenheit braucht, die der »verantwortliche Teilnehmende« vor Beginn des Prozesses zu finden versucht.